Sportphysiotherapeutin Nicole Hollaus über Prävention, mentale Stärke und die Arbeit mit dem Deutschen Ruderkader

Sportphysiotherapeutin Nicole Hollaus über Prävention, mentale Stärke und die Arbeit mit dem Deutschen Ruderkader

Interview mit Nicky Hollaus - Sportphysiotherapeuting: Leistungssport findet oft auf den großen Bühnen statt — sichtbar sind Medaillen, Weltmeisterschaften und olympische Finals. Weniger sichtbar ist die Arbeit im Hintergrund: die tägliche Betreuung, die Prävention, die Regeneration und das Vertrauen zwischen Athletinnen, Athleten und ihren Physiotherapeuten.

Wie Anna-Maria Wagner mit FLEXVIT-Bändern an Explosivität, Stabilität und Reha arbeitet Du liest Sportphysiotherapeutin Nicole Hollaus über Prävention, mentale Stärke und die Arbeit mit dem Deutschen Ruderkader 9 Minuten

„Unsere Aufgabe ist es, im Hintergrund zu arbeiten“

Leistungssport findet oft auf den großen Bühnen statt — sichtbar sind Medaillen, Weltmeisterschaften und olympische Finals. Weniger sichtbar ist die Arbeit im Hintergrund: die tägliche Betreuung, die Prävention, die Regeneration und das Vertrauen zwischen Athletinnen, Athleten und ihren Physiotherapeuten.

Genau darüber haben wir mit Nicole Hollaus gesprochen. Die ehemalige Leistungsschwimmerin betreut seit vielen Jahren Athletinnen und Athleten im Spitzensport, arbeitet seit 2019 im Physio-Team des Deutscher Ruderverband und ist seit 2025 leitende Physiotherapeutin des Verbands. Unter anderem begleitet sie den Olympiasieger Oliver Zeidler bereits seit 2018.

Im Interview spricht Hollaus über ihre Arbeit bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen, typische Verletzungsmuster im Rudersport, die Bedeutung mentaler Faktoren in der Physiotherapie und darüber, warum funktionelles Training mit Widerstandsbändern für sie ein wichtiger Bestandteil moderner Prävention geworden ist.

Das Interview erschien zuerst in der pt – Zeitschrift für Physiotherapeuten, Ausgabe 02/2026.

Interview mit Nicole Hollaus

Hallo Nicky, schön, dass wir heute sprechen können. Wie sieht ein typischer Arbeitstag für dich aus, beispielsweise während der Ruder-WM?

Nicole Hollaus:
Wir sind ein Dreiergespann. Das ist wichtig, weil wir uns so aufteilen können. Je nachdem wie viele Leute wir am Wettkampfort sind oder wie beispielsweise externe Faktoren wie Hitze den Wettkampf beeinflussen, teilen wir uns zwei zu eins auf. So bleibt ein Physio im Hotel und zwei Physios fahren an die Strecke.

Im Hotel ist man Ansprechpartner für die Sportlerinnen und Sportler, die ihren Start im Laufe des Tages noch vor sich haben oder einen Trainingstag haben — man steht geduldig im Standby-Modus zur Verfügung und entscheidet individuell, was gemacht wird. Ob das eine Mobilisation oder eine Behandlung ist — oder ob wir einen Notfall haben, wo mehr Zeit investiert werden muss, damit derjenige wieder wettkampftauglich ist. Das hängt immer vom Einzelfall ab.

Am Wettkampfort, an der Strecke, ist es ebenfalls sehr vielseitig. Wir machen tatsächlich vom Getränke reichen über Warm-Ups, ersten Nachbereitungen und individuellen Behandlungen alles, was dem ganzen Team helfen kann. Manchmal reicht es auch, dass man einfach da ist.

Das Ruder-Team setzt sich aus vielen Menschen zusammen. Wie viele Athleten und Athletinnen behandelst du in deiner Funktion als Physiotherapeutin?

Nicole Hollaus:
Ehrlich gesagt, weiß ich das gar nicht so genau. Wir sind ein Team von knapp 45 Leuten und alle Sportlerinnen und Sportler haben freie Wahl. Jeder kann individuell entscheiden, mit wem man besser zusammenarbeiten kann, mit wem man besser klarkommt oder wer vielleicht auch besondere therapeutische Schwerpunkte hat.

Letztlich ist die Anzahl aber auch nicht so entscheidend. Wir sind alle drei sehr etablierte Leute, haben unterschiedliche Stärken und dementsprechend verteilt sich das wahrscheinlich relativ gleichmäßig. Arbeit haben wir am Ende definitiv alle genug.

Dadurch, dass ein Wettkampf immer schwer vorherzusehen ist, seid ihr vermutlich jederzeit auf Abruf, oder?

Nicole Hollaus:
Genau. Es kann auch mal sein, dass du dir einen total entspannten Tag an der Strecke vorstellst und denkst, du kannst ein wenig mit deinem Kaffee im Stand-by-Modus rumlaufen — genau dann passiert eigentlich immer etwas. Man kann es nie vorhersagen.

Das ist aber auch irgendwie das Schöne. Unterm Strich gehört neben der eigentlichen Arbeit einfach viel Präsenz dazu. Wenn man diese Zeit als Arbeit mitrechnet, kommt da insgesamt schon eine ganze Menge zusammen.

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Du arbeitest schon lange eng mit Oliver Zeidler zusammen. Wird im Team trotzdem durchgewechselt, welcher Sportler von welchem Physiotherapeuten betreut wird?

Nicole Hollaus:
Ja. Wir sind ein Team und deswegen soll im entscheidenden Moment niemand eine Hemmschwelle haben, den anwesenden Physio anzusprechen.

Trotzdem wäre es natürlich ein Schmarrn zu behaupten, dass nicht jeder den einen oder anderen Physio favorisiert oder dass gewisse Kombinationen besser funktionieren. Manche brauchen eher Ruhe, andere eher jemanden, der zuhört oder mehr Energie reinbringt.

In Ollis und meinem Fall ist es schon so, dass wir sehr aufeinander fixiert sind. Das liegt einfach daran, dass wir schon seit 2018 zusammenarbeiten. Dass wir uns so gut kennen — auch die Höhen und Tiefen der letzten Jahre — ist in wichtigen Situationen wie Weltmeisterschaften natürlich ein Riesenvorteil.

Was sind typische Probleme, die Ruderer haben?

Nicole Hollaus:
Das wird jetzt vielleicht einige verwundern, aber wir haben viele Rippenthematiken, also beispielsweise Rippenstressfrakturen.

Viele Ruderer haben zudem Probleme mit dem unteren Rücken, den Bandscheiben und dem Hüftbeuger beziehungsweise der Beckenposition. Das liegt daran, dass beim Rudern sehr viel Kraft über die Beine auf den unteren Rücken wirkt. Wenn dieser Bereich instabil ist, führt das schnell zu Problemen.

Im Verhältnis zu anderen Sportarten haben wir bei Wettkämpfen außerdem häufig den Fall, dass Sportler kollabieren. Das liegt daran, dass sie über die 2000-Meter-Strecke extrem hohe Laktatwerte produzieren. Teilweise kommt es sogar zu akutem Nierenversagen. Auch auf solche Situationen müssen wir vorbereitet sein.

Wie läuft die Betreuung der Athletinnen und Athleten während eines Wettkampfs konkret ab?

Nicole Hollaus:
Im Grunde sehr individuell. Vor dem Rennen machen wir meist eine eher minimale individuelle Vorbereitung — beispielsweise Mobilisationen oder physiotherapeutische Techniken, um die grundlegende Beweglichkeit herzustellen.

Danach folgt das individuelle Warm-up und das Rennen.

Direkt danach versuchen wir möglichst schnell eine kurze Mobilisationssession einzubauen, um diese sitzende funktionelle Annäherung wieder zu neutralisieren oder den scapulothorakalen Rhythmus wiederherzustellen.

Im Hotel folgt später dann die eigentliche Behandlung — ausführlicher und oft kombiniert mit osteopathischen Techniken oder zusätzlichen Maßnahmen wie Recovery Boots, Strom- oder Wärmebehandlungen.

Wie wichtig ist für dich das Thema Prävention?

Nicole Hollaus:
Sehr wichtig. Damit meine ich vor allem ein gutes Verhältnis von Belastung und Erholung und die Frage: Wie schaffen wir biomechanisch gute Voraussetzungen?

Wir versuchen den Körper nach Belastungen möglichst schnell wieder in einen normalen Zustand zurückzubringen, damit Erholung überhaupt optimal stattfinden kann.

Gerade im Rudern wirken enorme Kräfte auf bestimmte Strukturen — vor allem auf unteren Rücken und Beckenbereich. Deshalb versuchen wir die Sportler gleichzeitig beweglich und stabil zu bekommen, damit diese Kräfte möglichst gut gehalten und weitergeleitet werden können.

Weniger Verletzungen bedeuten weniger Trainingsausfall. Das wiederum führt zu höherer Trainingsqualität und am Ende zu mehr Leistungsfähigkeit.

Du sprichst häufig von Stabilität, Beweglichkeit und Ansteuerung. Warum ist dir das so wichtig?

Nicole Hollaus:
Weil genau dort oft die Grundlage liegt. Wenn jemand das Becken nicht gut ansteuern kann oder nicht beweglich genug ist, dann landet die Kraft irgendwann dort, wo sie eigentlich nicht hingehört.

Gerade physiotherapeutisch gesehen ist die Beckenposition im Rudern extrem wichtig. Es ist der zentrale Kontaktpunkt. Wenn dort die Stabilität oder Kontrolle fehlt, entstehen häufig Probleme im unteren Rücken oder in anderen Strukturen.

Deshalb sind für mich diese Begriffe so entscheidend: Kraft, Beweglichkeit, Stabilität und Ansteuerung.

Wie wichtig ist dir als Physiotherapeutin die mentale Komponente?

Nicole Hollaus:
Sehr wichtig. Weil es wichtig ist, dass man sich wohlfühlt und mit Stresssituationen umgehen kann. Das ist die Basis guter Performance.

Ich finde, dass man als Physio auf diese Gesprächsführung oft gar nicht richtig vorbereitet wird. Dabei verbringen wir extrem viel Zeit mit den Athletinnen und Athleten — oft in Situationen, die sportlich unglaublich entscheidend sind.

Gerade kurz vor Finals oder Wettkämpfen muss man sehr genau wissen: Wann sage ich etwas? Wann besser nicht? Wann unterstütze ich — und wann überschreite ich vielleicht meine Kompetenz?

Das ist ein Bereich, in dem wir meiner Meinung nach noch besser vorbereitet werden könnten.

Du arbeitest auch viel mit Widerstandsbändern. Warum spielen sie in deiner Arbeit so eine große Rolle?

Nicole Hollaus:
Sie sind definitiv nicht mein einziges Tool, aber ein sehr wichtiges.

Der Ausgangspunkt war die Frage, wie wir technische Positionen aus dem Rudern möglichst sinnvoll an Land simulieren können. Beim Training auf dem Wasser kann man bestimmte Dinge nicht einfach isoliert verändern oder trainieren — dort gibt es zu viele Faktoren wie Wind, Wellengang oder die eigentliche Bewegung.

Deshalb haben wir angefangen, die Bootsposition an Land nachzustellen und gezielt mit Widerständen zu arbeiten — unter anderem mit Widerstandsbändern.

Die Bänder sind dabei unglaublich variabel. Man kann unterschiedliche Zugrichtungen, Spannungen und Positionen erzeugen und dadurch sehr gezielt technische Abläufe beeinflussen.

Dadurch konnten wir nicht nur die Technik optimieren, sondern teilweise auch messbare anatomische Veränderungen und Leistungssteigerungen erreichen.

Wie bereitest du dich persönlich auf Wettkämpfe vor?

Nicole Hollaus:
Ich freue mich erstmal darauf. Ich kenne die Leute, mit denen ich unterwegs bin, daher ist das Umfeld vertraut.

Ich mag Situationen, in denen Druck entsteht, tatsächlich ganz gerne.

Außerdem informiere ich mich gern darüber, was um mich herum passiert — also beispielsweise über Wettkampfsituationen, Bedingungen oder die Konkurrenz. Nicht um mich einzumischen, sondern um Gespräche auf Augenhöhe führen zu können und besser zu verstehen, was gerade passiert.

Welche Tipps würdest du Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten geben, die in den Leistungssport wollen?

Nicole Hollaus:
Üben. Für mich waren die vielen Jahre des Übens extrem wichtig.

Und: sich nicht zu wichtig nehmen, sondern viel zuhören und aufmerksam beobachten. Es passiert unglaublich viel zwischen den Zeilen. Je besser man Menschen versteht und Verhaltensweisen einordnen kann, desto leichter macht man sich die Arbeit.

Und man darf nie vergessen: Wir als Physios sind nur da, weil die Sportler da sind. Das ist ihre Bühne. Unsere Aufgabe ist es, im Hintergrund zu arbeiten, alles vorzubereiten und dafür zu sorgen, dass sie liefern können.

Vielen Dank für das Gespräch.

Nicole Hollaus:
Sehr gerne.

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Kurzporträt: Nicole Hollaus

Nicole Hollaus war selbst viele Jahre Leistungsschwimmerin, bevor sie verletzungsbedingt ihre aktive Karriere beenden musste. Heute führt sie eine Praxis mit orthopädischem Schwerpunkt in München und kombiniert in ihrer Arbeit manuelle Therapie, Sportosteopathie und neuroathletische Ansätze.

Seit 2018 betreut sie den deutschen Ruderer Oliver Zeidler und arbeitet seit 2019 im Physio-Team des Deutscher Ruderverband. 2024 begleitete sie das Team bei den Olympischen Spielen in Paris, seit 2025 ist sie leitende Physiotherapeutin des Verbands.

In ihrer täglichen Arbeit setzt Hollaus seit vielen Jahren auf funktionelles Training mit Widerstandsbändern — insbesondere zur Prävention, zur technischen Arbeit an Bewegungsmustern und in der Rehabilitation. Dabei arbeitet sie seit vielen Jahren mit FLEXVIT Bändern.

Anmerkung: Das Interview wurde transkribiert und für sprachliche Klarheit sowie Lesbarkeit bearbeitet. Inhaltliche Aussagen wurden dabei nicht verändert.

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